Erkenntnisse aus der ersten INUAS-Konferenz geben Aufschluss über die Herausforderungen wachsender Städte

Keynote INUAS Konferenz 2019 Roesler
Keynote INUAS Konferenz 2019 Roesler

Fotogalerie der INUAS Konferenz

Rund 110 internationale Beiträge, Exkursionen und Poster von Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis zeigten bei der INUAS-Konferenz, wie wichtig die interdisziplinäre Diskussion ist. Bei den Diskussionen wurde deutlich, dass bei der Stadt- und Wohnbauplanung auf lange Sicht gesehen nur das Zusammenspiel aller Akteur*innen und mehrerer Disziplinen dabei hilft, die Herausforderungen wachsender Städte zu bewältigen. Denn das eine Schlüsselinstrument gibt es nicht.

„Obwohl ähnliche Marktmechanismen in Städten auf der ganzen Welt wirksam sind und es Maßnahmen braucht, den Wohnungsmarkt zu regulieren, sind diese an regionalen und nationalen Kontexten ausgerichtet“, so Christoph Stoik, Sozialraumexperte der FH Campus Wien und Mitglied im wissenschaftlichen Komitee der INUAS-Konferenz. Marc Diebäcker, Experte für Wohnforschung und Soziale Arbeit an der FH Campus Wien und ebenfalls Komiteemitglied, ergänzt: „Für Österreich stellt sich etwa die Frage, wie soziale und ökologische Aspekte über Bauordnungen, Flächenwidmungen, Wohnbauförderungen oder das Mietrecht festgeschrieben werden können, um leistbares Wohnen in klimaneutralen Stadtteilen zu entwickeln.“

Keynotes über Gentrifizierung und Verdrängung, Realitäten und Utopien des Wohnens in Indien, urbanes Klima im Alltag und Barcelonas Wohnbaupolitik

Keynotespeakerin Loretta Lees, Professorin der University of Leicester und eine der bekanntesten Forscher*innen zu Gentrifizierung, macht die wirtschaftliche Umstrukturierung in vielen Großstädten und die Finanzialisierung des Immobilienmarktes für den Abbau von Wohnrechten und die Vertreibung von Bevölkerungsgruppen als Triebfedern für Gentrifizierung verantwortlich. „Die Erneuerung und Aufwertung der Städte in südlichen Metropolen produziert soziale und urbane Apartheid. Die Erneuerung von nördlichen Städten muss in Verbindung zu staatlich gesteuerter Gentrifizierung gesehen werden, wo beispielsweise durch soziale Durchmischungsprojekte Einwohner*innen in die Peripherie verdrängt werden.“ Für eine integrative Stadtentwicklung seien drei Schlüsselfaktoren zu berücksichtigen: Leistbarkeit, Zugänglichkeit und Diversität.

„Wohnen für alle“ thematisierte Amita Bhide, Professorin am Tata Institute of Social Sciences (TISS) in Mumbai, in ihrem Vortrag über die Wohnsituation in Indien. Sie stellte die Definition von leistbarem Wohnen zur Diskussion. „Der Wohnungsmarkt definiert die Erschwinglichkeit weitgehend für mittlere Einkommensgruppen, das läuft an den meisten Armen vorbei und kreiert somit Schwachstellen und sozialen Ausschluss.“ Staatlich geplante und monofunktionale Wohnviertel scheitern vielfach, weil diese laut Amita Bhide an den Lebensrealitäten der Menschen und ihren selbstorganisierten Nutzungen vorbeigehen.

Zielkonflikte bei der Planung von sozialer Gerechtigkeit, Wirtschaft und Umwelt ortet Keynotespeaker Sascha Roesler, Professor für Architektur an der Academy of Architecture in Mendrisio. Umweltfaktoren und Gebäudestruktur beeinflussten das Klima einer Stadt genauso wie beispielsweise das Energieverhalten der Bewohner*innen. Der stetig wachsende Verbrauch veranlasse zur massiven Besorgnis im Hinblick auf den Klimawandel. Am Beispiel Chinas erläutert Roesler, „dass die Geschwindigkeit des Wachstums weltweit auch Ressourcen und unsere Architekturen betreffen. Alleine in China werden 30 Prozent des Energieverbrauchs durch die Bautätigkeit erzeugt. Wir müssen aus den Strategien der Vergangenheit lernen und diese in eine neue Sprache – sowohl die Gebäudearchitektur als auch die Nutzungspraktiken der Bewohner*innen betreffend – übersetzen.“

Javier Burón Cuadrado, Wohnbaustadtrat von Barcelona, schildert in seiner Keynote die Situation auf der iberischen Halbinsel: „Spanien hat sich in den letzten 50 Jahren von einem Land mit hauptsächlichem Vermietungsanteil in ein Eigenheimland verwandelt. Hier muss jetzt gegengesteuert werden.“ Die Politik der katalanischen Hauptstadt setzt dabei auf Anti-Gentrifizierungsmaßnahmen im Tourismus- und Wohnungsmarkt und auf bewussten Markteingriff. Beispielsweise müssen 30 Prozent der Neubauten auch in den innerstädtischen bestehenden Gebieten der Stadt als bezahlbarer Wohnraum deklariert werden. „Wir laden offen Gruppen zur Diskussion und Überprüfung des Wohnungsplans ein und verfolgen einen transparenten und demokratischen Ansatz“, fasst Burón Cuadrado Barcelonas Wohnbaupolitik zusammen.

IBA-Talk, Poster Präsentation und Abschlussdiskussion

Der IBA-Talk in Kooperation mit der Internationalen Bauausstellung IBA_Wien widmete sich am Beispiel Wiens den Fragen, was sozialer Wohnbau in der wachsenden Stadt bedeutet und welche Instrumente leistbares Wohnen für alle ermöglichen können. Wien gilt international als Musterbeispiel dafür, wie mittels Wohnungsbestand in kommunalem Eigentum und öffentlich gefördertem Wohnbau Einfluss auf Wohnungsmärkte genommen werden kann. Durch die eigene Flächenwidmungs-Kategorie „förderbarer Wohnbau“ versucht Wien, auch aktiv auf die Bodenpolitik Einfluss zu nehmen. Kontrovers wurde diskutiert, ob auch ausreichend leistbarer Wohnraum geschaffen wird.

Die Poster Session zeichnete sich durch internationale Bandbreite aus. Michelle Xiaohong Ling von der South China University of Technology gewann den Jury-Preis für ihr Poster „Micro-renewal of Qinghu Village of Shenzhen, China“. Der Publikumspreis ging an das Poster „Nachverdichtung in Wien und sozialraumorientierte Soziale Arbeit“ von Fabian Mayrhofer und Johann Gorbach, beide Masterstudierende an der FH Campus Wien.

In der Abschlussdiskussion der Konferenz standen leistbares Wohnen für alle und das Recht auf Wohnen im Zentrum. Javier Burón Cuadrado und Amita Bhide betonten, dass je nach Struktur des Wohnungsmarktes ein Mix von Instrumenten und Strategien notwendig ist, um Bodenpreise zu kontrollieren und leistbare Mieten zu ermöglichen. Ein offener Dialog zwischen verschiedenen Akteur*innen wie Planer*innen, Bewohnerinitiativen und Wohnbauträgern sowie ein starkes Bekenntnis zum Recht auf Wohnen durch die Stadtpolitik seien entscheidend, um die Weichen für die Zukunft demokratisch stellen zu können.

INUAS-Konferenzreihe geht weiter

Die Konferenz-Reihe „Urbane Transformationen“ wird von 09. bis 11. September 2020 in München fortgeführt. Die Konferenz 2020 behandelt das Thema „Ressourcen“, welches in vier Sektionen – Zeit, Raum, Energie, Material – betrachtet werden soll. Informationen zum Call for Papers sowie weitere Hinweise zur Münchner Tagung folgen in Kürze. „Öffentliche Räume“ sind das Thema der abschließenden Tagung 2021 in Zürich.

Die Mitglieder